Die eigene festgefahrene Interpretation einer Situation hindert daran zu erkennen, was gebraucht wird, damit es vorangeht. Es gibt schnell Konflikte und Gräben zwischen Menschen, die zur Lösung einer Aufgabe zusammenarbeiten sollten.

Wie gehen wir im Coaching oder der Teamentwicklung mit festgefahrenen Interpretationen um?

Festgefahrene Interpretation – Umgang im Coaching damit

Denken und Denkgefühle – die Interpretationsschleife/„Brille“

Die Interpretationsschleife ist ein Erklärungsmodell dafür, wie eine Kommunikation oft abläuft, und welche inneren Dynamiken und Rückkopplungsschleifen auftreten können. Treten Systemgesetzverletzungen auf, so ist diese Interpretationsschleife intensiver.

Die reflexive Schleife (Rückkopplung):

Meine Überzeugungen und Schlussfolgerungen beeinflussen, welche Daten ich beim nächsten Mal auswähle und wie ich sie interpretiere.

Ein Beispiel: In einem Meeting oder Vortrag gähnt jemand

1. Auswahl der Daten: Ein Teilnehmer gähnt.

2. Interpretation: Desinteresse oder Langeweile (mögliche andere typische Interpretationen wären: Sauerstoffmangel oder der Teilnehmer ist müde)

3. Denkgefühle: Ärger, Angst

4. Schlussfolgerungen und Überzeugungen: Entweder: Ich bin nicht gut genug, ich langweile ihn – wenn ich es auf mich beziehe. Oder: Der andere ist d…, der ist immer so usw. – wenn ich es auf ihn beziehe. 

5. Handlung aufgrund der entwickelten Überzeugungen: Entweder werde ich rot, strenge mich mehr an oder ich werde aggressiv oder ich wende mich von der anderen Person ab.

6. ist wieder 1. – Es werden neue Daten ausgewählt (Rückkopplungsschleife, da die Überzeugungen auch die Datenauswahl beeinflussen). Schaut der andere dann aus dem Fenster oder schreibt in seinem Notizbuch, so wird die „Brille“ bestätigt: Ich bin so oder der ist so. 

Dass der andere sich vielleicht aus Interesse heraus Notizen gemacht hat oder zum Verarbeiten des Gehörten aus dem Fenster schaut, kann nicht mehr gedacht werden.

Ein Leben ohne zusätzliche Deutungen oder Schlussfolgerungen ist nicht möglich, denn Interpretationen dienen z.B. dazu, in Bruchteilen von Sekunden festzustellen, ob eine Gefahr droht oder nicht. 

Es ist aber wichtig zu wissen, dass man interpretiert, dass das nicht die Realität sein muss, sondern sie auch anders sein kann. 

Nützlich ist es auch, sich Ausstiegsgedanken aus dieser Schleife zu machen. Es liegen drei Möglichkeiten vor.

  1. Die Interpretation ist nicht die Wahrnehmung, denn sie ist gefiltert.
    Was haben Sie objektiv beobachtet? Wie würde es eine Videokamera aufnehmen?

Der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Interpretation

Wenn Sie die nebenstehende Person betrachten, was nehmen Sie wahr?

Im Allgemeinen erhalte ich folgende Antworten: Sie ist nachdenklich, verschlossen, in sich gekehrt oder zielgerichtet. 

Diese Antworten sind keine Wahrnehmungen, sondern Interpretationen. Jeder hat seine eigenen Interpretationen, und passen sie nicht zu dem Gegenüber, so lässt sich darüber streiten. Über eine Wahrnehmung jedoch nicht. 

Also wie lautet eine Wahrnehmung?

Sie sitzt, ihr Oberkörper ist um ca. 15 Grad nach vorne gebeugt, ihre Hände berühren sich, ihre linke Hand ist nach rechts gebeugt und berührt ihr Kinn…

Aufgabe: Fertigen Sie eine Tabelle an und schreiben Sie in der linken Spalte typische Interpretationen von Ihnen, wie Sie andere beschreiben. In die mittlere Spalte setzen Sie Ihre Wahrnehmung. Notieren Sie in der rechten Spalte mögliche weitere Interpretationen.

Interpretation Wahrnehmung (konkret) Weitere Interpretation
unsicher Zittern in der Stimme aufgeregt
auf der Flucht Haltung nach vorne gebeugt interessiert
nachdenklich Kinn auf die Hand abgestützt traurig
Ablehnung Hände vorm Bauch verschränkt gemütlich
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Aus dieser Aufgabe wird Ihnen vielleicht deutlich, wie gefährlich es ist, aus einer Körperhaltung eine bestimmte Schlussfolgerung zu ziehen. Fragen Sie sich bzw. Ihren Klienten: „Wie könnte eine andere Interpretation oder Schlussfolgerung aussehen?“

  1. Oft gibt es nur eine Interpretation. Stellen Sie sich/Ihren Klienten deshalb die Frage:
    Könnte es auch anders sein?
    Wie könnte eine andere Interpretation lauten?

    Finden Sie eine gegensätzliche Interpretation. Gähnt z.B. ein Zuhörer, so bedeutet das nicht unbedingt, dass der Zuhörer sich langweilt. Es könnte auch sein, dass er schlecht geschlafen hat oder dass Sauerstoffmangel im Raum herrscht.
  2. Bearbeiten Sie Ihre Überzeugungen, Glaubenssätze und Schlussfolgerungen, indem Sie sie erst einmal aufdecken und dann verändern. Es gibt Überzeugungen, die sich leicht ändern lassen und andere, die nur im Coaching verändert werden können. 

Die Denkgefühle lassen sich durch ein verändertes Denken, beispielsweise eine andere Interpretation der Sachlage, beeinflussen, die entstandenen Basisgefühle werden dadurch jedoch nicht aufgelöst. 

Die Basisgefühle sind die tieferliegenden Gefühle, die vorhanden sind, wenn nicht gedacht wird.

Es gibt mehrere Gründe dafür, wenn die Interpretationen bzw. Schlussfolgerungen negativ sind und wie zementiert dastehen. Schauen wir uns die Interpretationsschleife an, die modellhaft beschreibt, wie es zu Interpretationen und Schlussfolgerungen kommt. Ganz unten im Bild am Fuße  der Leiter ist noch alles objektiv. Wird nun eine Information ausgewählt, wird es subjektiv.

– Subjektive Auswahl / Filter: Jeder Mensch besitzt unterschiedliche interne Programme, wie die Informationen aufgenommen werden und was herausgefiltert wird. Dazu gehören die Metaprogramme. Jede Person nimmt Informationen in ganz individueller Weise auf. Diese spezifische Art der Wahrnehmung und Verarbeitung wurde durch die Umweltbedingungen und die Vorbildfunktion relevanter Bezugspersonen bei jedem einzelnen entwickelt.
Diese Metaprogramme bzw. Filter fungieren als Wahrnehmungsgrobraster und bevorzugte Verarbeitungsmechanismen und dienen primär der Vereinfachung von Wahrnehmungs- und Analyseprozessen. Dies hat Vorteile aber auch Nachteile. Filter sind einerseits dazu da, Informationen herauszufiltern. Andererseits können sie auch als Katalysator wirken und eine Verstärkung erzeugen.
Jedem sind potentiell alle Metaprogramme verfügbar, und sie können mit ein bißchen Übung wieder flexibilisiert und häufiger benutzt werden.

Die gängigsten Metaprogramme sind folgende:

Die fünf Sinne: Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken
Brauche ich zur Informationsverarbeitung Bilder oder reicht ein gesprochenes Wort. Was ist mein bevorzugtes Sinnessystem? Welcher Sinneskanal ist eher unterrepräsentiert?

Motivationsrichtung:  Hin zu – weg von
beschreibt den Ausgangspunkt von Motivation, d.h., ob das Verhalten eher durch ein „hin zu“ (ein Ziel) oder durch „ein weg“ von (der alten Situation) bestimmt wird.

Informationsgröße: Überblick – Detail
Dieses Metaprogramm beschreibt die Reihenfolge, in der Menschen am liebsten Wissen aufnehmen. Zuerst die wesentlichen Details und Beispiele und danach das größere Ganze oder lieber umgekehrt, d.h. erst einen Überblick und dann die Details.

Bewertung: Unterschiede – Gemeinsamkeiten
Nehme ich eher die Unterschiede war oder liegt der Fokus eher auf Gemeinsamkeiten. Werden zwei Dinge verglichen, was fällt zuerst auf?

Zeitorientierung: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
Ist der Fokus der Wahrnehmung eher in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft?

Handlungsantrieb: aktiv – passiv
Geht jemand aktiv auf etwas zu, handelt spontan und reagiert sofort, oder wartet er eher ab, beobachtet, überlegt und handelt dann erst nach einer Weile oder auch gar nicht?

Träumer, Realist, Kritiker (Walt Disney)

Der Träumer ist der Visionär, alles ist möglich. Der Realist ist der Umsetzer, sieht die Meilensteine und Ziele. Der Kritiker ist der Berater, der Bedenken und negative Auswirkungen sieht.

Es gibt noch weitere Filter. Dazu gehören Überzeugungen und Denkgefühle wie Euphorie, Angst oder Liebe. Die Sprichwörter: Die rosarote Brille oder Liebe oder Angst oder Wut macht blind, drücken diese Filter aus. Schlussfolgerungen, die aus der Interpretationsschleife durch das Interpretieren entstehen, sind ebenfalls starke Filter. Diese Schlussfolgerungen “Brille” – die festgefahrene Interpretation führen dazu, bestimmte Informationen nicht mehr und andere Informationen gefärbt wahrzunehmen.

Überzeugungen und Denkgefühle:
– Euphorie, Angst, Liebe, prägende Erlebnisse

Prägungen, Glaubenssätze und Moralvorstellungen lassen sich im Coaching durch die Methoden Neuprägung oder Empowering auflösen bzw. verändern.

Erwartungen -> (Wunsch, Aufgabe, Ziel)

Erwartungen haben heißt warten, denn normalerweise weiß die andere Person nicht, welche Erwartung an sie gerichtet ist. Deshalb geht es darum, Erwartungen als Wunsch, Aufgabe oder Ziel zu formulieren.

Basisgefühle, die beispielsweise durch Systemgesetzverletzungen entstanden sind:
– Angst, Trauer, Wut, Liebe

Ungelöste Systemgesetzverletzungen führen zu Basisgefühlen wie Leid, Angst, Trauer und Wut und erzeugen eine „Brille“ mit Denkgefühlen. Auch diese Gefühle sind wie die Denkgefühle starke Filter.

Was passiert bei einer Systemgesetzverletzung mit dem Menschen?

Wird jemand ausgeschlossen, nicht respektiert, ist es ungerecht oder einer drängelt sich vor, so gibt es einen Ablauf von vier Schritten, der bei dem Verletzten passiert.

1. Basisgefühle I: Zuerst entsteht ein verletztes Basisgefühl I. Typische Beschreibungen von verletzten Basisgefühlen sind Bauchweh, Muskeln spannen sich an, weiche Knie, Zittern, Druck im Magen, heiß, kalt, Tränen schießen in die Augen, Zittern, Herzklopfen, etc. …

Je nach Stärke der Verletzung sind diese Gefühle stärker oder schwächer. Fast jeder kennt ein nicht so starkes Gefühl, wenn sich jemand im Straßenverkehr vordrängelt.

2. Basisgefühle II: Kurz danach (oft nur eine Sekunde später) entsteht das Basisgefühl II, nämlich Ärger oder Wut.

3. Denken: Erst nachdem die Basisgefühle entstanden sind, fängt die Person an, über die Verletzung nachzudenken. Es wird interpretiert und geschlussfolgert, je nachdem, welche „Brille“ die Person schon trägt.

4. Denkgefühle: Dieses Nachdenken und Interpretieren erzeugt ein Gefühl, welches ich Denkgefühl nenne. Es steht in direkter Wechselwirkung zum Denken. Diese Denkgefühle werden oft folgendermaßen beschrieben: Ich fühle mich übergangen, nicht respektiert, es ist ungerecht …

Wird diese erste Systemgesetzverletzung nicht aufgelöst, so kommt es normalerweise zu einer Rückverletzung, so dass es weiter eskaliert. Genauso wird die „Brille“ immer weiter geprägt. Liegen also Systemgesetzverletzungen vor, so lässt sich die „Brille“ – die festgefahrene Interpretation nicht einfach auflösen, sondern sie muss parallel bei der Auflösung der Systemgesetzverletzungen mit bearbeitet werden.

Zusammenfassung: Vorgehen im Coaching / Meditation / Teamentwicklung 

– Wissen vermitteln über die Interpretationsschleife

– Wissen vermitteln über die Systemgesetze und welche Auswirkung eine SG-Verletzung hat.

– Wissen vermitteln, wie Systemgesetzverletzungen aufgelöst werden.

– Filter vorstellen.

– Herausfinden, ob es um Überzeugungen oder Prägungen mit entsprechenden Denkgefühlen geht -> Empowering

– Herausfinden, ob es um Filter geht -> Filter bzw. Metaprogramme flexibilisieren

– Herausfinden, ob es um Erwartungen geht -> Erwartungen aufdecken und Umwandeln in Ziele, Wünsche, Forderungen

– Herausfinden, ob es um Systemgesetzverletzungen mit Basisgefühlen und dadurch geprägter „Brille“ mit Denkgefühlen geht -> Systemgesetzverletzungen auflösen, „Brille“ parallel dazu updaten.

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