Die Gewaltfreie Kommunikation GFK und ihre Grenzen bei Systemgesetzverletzungen.

Meine Erfahrungen mit dem Auflösen von Systemgesetzverletzungen, dem Feedback geben und der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg stelle ich hier vor. Es gibt in allen drei Vorgehensweisen Gemeinsamkeiten. Liegen jedoch Systemgesetzverletzungen wie Ausschluss, fehlender Respekt, Ungerechtigkeit vor, so kommen das Feedback geben und die Gewaltfreie Kommunikation an ihre Grenzen der Wirksamkeit. Um dieses deutlich zu machen, stelle ich zuerst vor, wie Systemgesetzverletzungen aufgelöst werden und weiter unten, was die Grenzen für die anderen Vorgehensweisen bei vorliegenden Systemgesetzverletzungen sind.

In meiner Arbeit als CoachMediator haben sich fünf Voraussetzungen herausgebildet, die benötigt werden, damit Systemgesetzverletzungen und eskalierte Konflikte aufgelöst werden können.

Die fünf Voraussetzungen zum Auflösen von Systemgesetzverletzungen

  • Der/die Auslöser, Verursacher oder Verantwortlichen müssen bekannt sein.
  • Es muss eine Zeit geben, zu der alle (Verursacher und Verletzter) sagen können, es war mal gut (also Respekt war vorhanden = wertschätzende Haltung ist möglich). Es muss die erste Ursache bekannt sein.
  • Der Verletzte und der Verursacher müssen genügend ausgeglichen kraftvoll ++ sein.
  • Sprachlich richtiges Vorgehen (keine Vorwürfe oder Rechtfertigung)
  • Das Neue, die neue „Brille“ muss sich entwickeln

Hier wird auf das sprachlich richtige Vorgehen eingegangen. Erfahrungsgemäß lernen wir uns zu entschuligen oder unser Verhalten zu erklären. Beides führt nicht zu einer Lösung, sondern oft zu einer Verstärkung des Konflikts.

Sprachlich richtiges Vorgehen (Verletzter: 3 W‘s und Verursacher: W und 2 A‘s)

Verletzter (3 W‘s):

Wertschätzende Haltung: Beide begeben sich gedanklich zurück zu dem Zeitpunkt, als es noch für beide gut war, und erzählen darüber. Das ist die Voraussetzung für die wertschätzende Haltung.

Wahrnehmung: Der Verletzte beschreibt die Situation bzw. das Verhalten des Verursachers möglichst objektiv – ohne Vorwurf oder Interpretation (s. Interpretationsschleife).

Wirkung: Der Verletzte beschreibt und zeigt sein Basisgefühl I, d. h. sein Leid: „Mein Bauch tat weh, ich hatte Herzrasen, …“ – ohne Interpretation.

Oft wird hier anstelle des Basisgefühls I das Denkgefühl wie „Ich fühle mich übergangen oder nicht respektiert“ ausgesprochen. Das führt beim Verursacher normalerweise zu einer Verletzung und der Prozess stoppt.

Beispielaussagen für Basisgefühle I bei einer erfolgten Systemgesetzverletzung

Unruhe, Kribbeln, Herzklopfen, Stechen, Klos im Hals, Schmerzen im Magen/Bauch/Kopf, Verkrampfung, Zittern, Weiche Knie, Schreck, Druck/Enge, Schwitzen, Schwindel, Trockener Mund, Tränen in den Augen, Weinen/traurig, Flattrige Stimme, Erstarren, Keine Luft bekommen, Nichts mehr spüren, Kälte, Unstimmigkeit, Kalter Schauer, Angst …

Welche Basisgefühle kennen Sie?

Beispielaussagen für Denkgefühle bei einer erfolgten Systemgesetzverletzung

Übergangen, Resigniert, Nicht respektiert, Ausgeschlossen, Wertlos, Ungerecht, Betrogen, Angelogen, Nicht gesehen, Allein gelassen, Unwichtig, An letzter Stelle …

Welche Aussagen über Denkgefühle kennen Sie?

Systemische Mediation

Wichtig ist, dass zwingend das Basisgefühl I ausgesprochen und gezeigt wird und nicht die Denkgefühle genannt werden, denn sie sind durch eine Interpretation entstanden und werden zu einer Verletzung führen.

Verursacher (W und 2 A‘s):

Wertschätzende Haltung: Der Verursacher geht gedanklich zurück zu dem Zeitpunkt, als es noch für beide gut war (Wie war es beim Kennenlernen?). Das ist die Voraussetzung für die wertschätzende Haltung.

Anerkennung: Der Verursacher erkennt das Basisgefühl I, das Leid an, indem er selber mitfühlt und Folgendes aus der richtigen Haltung heraus sagt: „Es tut mir leid, dass bei dir/Ihnen diese verletzten Gefühle entstanden sind, es war nicht meine Absicht.“ Dadurch löst sich die Verletzung, das Leid auf.

Der Verursacher spricht nicht über sein Verhalten oder seine für ihn positive Absicht hinter dem Verhalten, da es meistens als Rechtfertigung ankommt.

Ausgleich: Der Verursacher nimmt, wenn noch nötig, den Anteil der Wut/Ärger zurück, für den er verantwortlich ist, und sorgt evtl. noch für einen weiteren Ausgleich.

systemgesetzverletzungen

Das sprachlich richtige Vorgehen ist in den ersten drei Schritten gleich zum Feedback geben und zur Methode der Gewaltfreien Kommunikation GFK.

feedback

Unterschiede zwischen Systemgesetzverletzungen auflösen, Feedback geben und Gewaltfreie Kommunikation GFK

In der Tabelle sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dargestellt.

gfkgfk

Feedback sollte man erst dann geben, wenn keine tiefen Systemgesetzverletzungen vorliegen. Sind Systemgesetzverletzungen mit Wut vorhanden, so ist keine wertschätzende Haltung möglich, das Feedback geben wird mit zu viel Energie stattfinden und den Feedbacknehmer verletzen.

Die Gewaltfreie Kommunikation spricht nach der Wirkung (Körpergefühl) das Bedürfnis und darauf eine Bitte aus. Beim Feedbackgeben wird kein Bedürfnis, jedoch ein Wunsch oder Bitte oder Lernaufgabe genannt. Liegen Systemgesetzverletzungen vor, so hat sich gezeigt, dass ausgesprochene Bedürfnisse oder Wünsche/Bitten nicht sinnvoll sind, da sie nicht mehr richtig erfüllt werden können.

Gewaltfreie Kommunikation und Feedback geben ist bei einer vorliegenden Systemgesetzverletzung nicht sinnvoll!

Beispiel: Ein Mitarbeiter wurde nicht zum Teammeeting eingeladen. Er geht zum Verantwortlichen und spricht mit der wertschätzenden Haltung seine Wahrnehmung und sein Basisgefühl I aus. Weiter sagt der Mitarbeiter: „Mein Bedürfnis ist, dass ich dazugehöre, und meine Bitte ist, dass ich beim nächsten Mal eingeladen werde“ – so kann beim Mitarbeiter bei der nächsten Einladung ein fader Beigeschmack zurückbleiben – „Die laden mich nur ein, weil ich es gesagt habe, und nicht, weil die mich dabei haben wollen.“ Die Systemgesetzverletzung bleibt aus zwei Gründen bestehen, erstens wurde sein Leid und seine Wut nicht aufgelöst und zweitens kann sein Bedürfnis oder Wunsch nicht wirklich erfüllt werden, wenn er es ausgesprochen hat.

Beim Auflösen von Systemgesetzverletzungen reicht das verletzte Basisgefühl I als Weg-von-Motivation aus, dass der Verantwortliche sich in Zukunft anders verhält. Wenn es nicht ausreicht, so liegen tieferliegende Gründe dafür vor, dass er sich nicht anders verhält. Diese gilt es dann im Coaching zu klären.

Systemische Mediation: Liegen Systemgesetzverletzungen vor, so wird nicht nach Bedürfnissen, Wünsche oder Bitten gefragt.

Angenommen, A braucht mehr Wertschätzung und Anerkennung von B.
Wird A vom klassischen Mediator gefragt, was er von B braucht, so kann A nicht darauf antworten, da sein Wunsch nach mehr Wertschätzung dann wertlos wird – es ist ein Dilemma. Denn spricht A seinen Wunsch aus und B fängt an, ihn mehr wertzuschätzen, so bleibt bei A das Gefühl, B macht es nur, weil ich es ihm gesagt habe. Es ist bestimmt nicht ganz echt.

Das Dilemma: Eine Frau sagt zu ihrem Mann: „Zeig mir, dass du mich lieb hast (Bedürfnis) und zeige es dadurch, dass du mir Blumen schenkst (Bitte/Wunsch).“ Bringt der Mann nun Blumen mit, so könnte die Frau sagen: „Die schenkst du mir nur, weil ich es dir gesagt habe, du liebst mich doch nicht“. Bringt er keine mit, da er schon vermutet hat, wie seine Frau darauf reagiert, wenn er welche mitbringt, so könnte die Frau sagen: „Jetzt habe ich dir schon den Tipp gegeben, aber du bringst mir keine Blumen mit, du hast mich nicht lieb.“ Der Mann kann nur verlieren.

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